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Vergangenheit eine Stimme gegeben

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Franka Hörnschemeyers grandiose Rauminstallation auf ‚Kunstwegen‘ eröffnet…

‚Kunstwegen‘ ist um die ästhetisch herausragende, inhaltlich facettenreiche und tief bewegende Position einer bedeutenden Künstlerin reicher: Mit Franka Hörnschemeyers begehbarer akustischer Installation ‚Koordinaten‘ wurde am Sonnabend im Wald an der Gedenkstätte am Kriegsgräberfriedhof Alexisdorf/Neugnadenfeld die 70. Station der ‚Kunstwegen‘-Route eröffnet. Wer in dem offenen Labyrinth aus Betonschalelementen den Erzählungen von Anwohnern aus den versteckten Lautsprechern lauscht, dem erwächst aus der atmosphärischen Dichte des Werkes ein Zeit und Raum reflektierender Besinnungsort und eine fesselnde Aura des Erinnerns.

Von Thomas Kriegisch – Neugnadenfeld. Dass der Erste Kreisrat Hans-Werner Schwarz vom Landkreis als ‚Kunstwegen‚-Projektträger weit über 100 Eröffnungsgäste begrüßen konnte, lag auch an der großen Anteilnahme der Neugnadenfelder. Franka Hörnschemeyer hatte hier bereits vor zwei Jahren umfangreiche Interviews mit Einwohnern geführt, in denen sie über den besonderen Ort, ihre Vergangenheit und Zukunft sprechen. ‚Ich habe viel Hilfe vor Ort bekommen, ohne die ich das Werk nie hätte realisieren können‘, sagte die 1958 in Osnabrück geborene, heute in Berlin lebende und arbeitende Installationskünstlerin und Hochschullehrerin, die vorgefundene Räume in ihren Projekten vornehmlich mit skulpturalen Mitteln analysiert und verändert. Ihr bekanntestes Werk ‚BDF – bündig fluchtend dicht‘ ist eine Installation ebenfalls aus gitterartigen Schalelementen in einem Innenhof des Berliner Abgeordnetengebäudes Paul-Löbe-Haus.

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Wie Bernhard Jansen, ‚Kunstwegen‘-Koordinator vom Landkreis, berichtete, war die neue Station im Rahmen der Gedenkstättenarbeit des Kreises schon seit mehreren Jahren geplant. Man habe die Form einer künstlerischen Vermittlung des Gedenkens fortführen wollen, wie es bereits bei den ‚Kunstwegen‘-Stationen ‚Ein Weg durch das Moor‘ (Bathorn) von Peter Fischli und David Weiss oder Ann-Sofi Sidéns ‚Turf Cupola‘ in Neugnadenfeld begonnen worden war.

‚Nur die Finanzierung war äußerst schwer auf die Beine zu stellen‘, erklärte Jansen zur späten Realisierung elf Jahre nach Eröffnung von ‚Kunstwegen‘. Schließlich sei es jedoch dem Kreis mit einer Beteiligung von 80 Prozent an den Kosten gelungen, das Projekt mit der ‚Kunstwegen‘-Vermarktungsgesellschaft ‚Ewiv‘ sowie Privatsponsoren zu verwirklichen.

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Franka Hörnschemeyer, Nordhorns Kunstpreisträgerin von 2006, und Schwarz machten deutlich, dass darüber hinaus viele weitere helfende Hände zum Gelingen des Werkes beigetragen haben: etwa Nordhorns einstiger Galeriechef und ‚Kunstwegen‘-Betreuer Roland Nachtigäller, Nachfolgerin Veronika Olbrich, Dirk Möllmann, Kurator der ‚Kunstwegen‘-Fortsetzung ‚Raumsichten‘ in die Obergrafschaft, Museumskoordinator Hubert Tietz vom Landkreis, die Mitarbeiter von Forstamt und Straßenmeisterei oder jene Helfer aus der Bauwirtschaft, die die insgesamt 20 Tonnen schweren Schalelemente stemmten und verankerten.

Für ihre Installation verwendete Hörnschemeyer das für ihre Werke typische Material der Betonschalelemente. Daraus fügte sie eine mehrteilige Konstruktion zusammen, die sich labyrinthisch von einem Zentrum ausgehend inmitten des kleinen Waldes erstreckt. Das eiserne Gitterwerk dient eigentlich zum Guss der Betonwände von Häusern. Einzelne Teile innerhalb des offenen Gitterwerks wurden durch Wandelemente geschlossen, um die freie Sicht zu unterbrechen und wechselnde Raumsituationen zu schaffen. In jedem dieser offen angelegten Räume sind Lautsprecher angebracht, aus denen leise die Stimmen von Anwohnern zu hören sind, die Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Zusammen mit der Berliner Filmemacherin Katrin Eißing hatte Hörnschemeyer aus dem Interviewmaterial Passagen ausgewählt und geschnitten, die durch die von Frank Fietzek (Berlin) installierte Technik nun dauerhaft zu hören sind.

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Wer über einen Trampelpfad auf das eher unauffällige Kunstwerk im Wald trifft, dem wird der mehrteilig angelegte Kunst- und Naturraum schnell zu einem Erinnerungs-, Gedächtnis- oder Gedankenraum. Vor dem Hintergrund der mörderischen Geschichte des NS-Kriegsgefangenenlagers Alexisdorf und der in der Nachkriegszeit von Hoffnung, Pioniergeist und Tatendrang beseelten Besiedlung der Herrnhuter Brüdergemeinde auf dem ’neuen Gnadenfeld‘ eröffnet das Werk dem Besucher vielfältige Assoziationen. Mit den leisen Erzählungen in den offenen Klang- und Hörräumen hat hier nahezu geisterhaft eine vielfach vergessene Vergangenheit eine Stimme bekommen und flüstert aus dem Nichts den Menschen zu. Dabei sind die Stimmungen von großer Ambivalenz: Können die Erzählungen aus der Lagerzeit beklemmend sein, wird der Aufbau aus der Nachkriegszeit zur ermutigenden Botschaft. Auch die Interpretation der Raumskulptur selbst überlässt dem Betrachter Deutungsvielfalt: Die räumlich strukturierten Betonschalelemente können ebenso eine aufgegebene und verlassene Baustelle wie der erste Rohbauabschnitt für etwas Neues und Kommendes sein.

Wichtig ist es Hörnschemeyer, die vielfältigen Facetten des Ortes einzufangen und zu reflektieren. Auf eine eindringliche wie vielschichtige Art und Weise stellt ihr Klangraum die Natur sowie die Kultur-, Lokal- und Sozialgeschichte des Ortes in den Kontext einer zeitgenössischen Kunst des öffentlichen Raumes, die gleichsam mit ihrer narrativen und ästhetischen Kraft in den Bann zieht wie sie formale und bildnerische Fragestellungen der Kunst über Raum und Zeit aufgreift und bespielt. Auf diese spannenden, zwischen Philosophie, Physik, Soziologie und Ästhetik pendelnden Hintergründe ging zur Eröffnung der Berliner Kunstkritiker Dr. Ronald Berg in seiner Werkbetrachtung ein.

Hörnschmeyers Installation erweist sich unter allen Aspekten als ein präzise angelegter, grandioser Wurf. ‚Koordinaten‘ zeigt im bildnerischen Bereich, dass ihre ansonsten vielfach auf den architektonischen Raum bezogenen Installationselemente auch im öffentlichen Raum der freien Landschaft funktionieren. Obwohl die eisernen Schalelemente und ihre, den geometrischen Formen folgende Anordnung Technik und Berechnung in die organisch wachsende Natur bringen, wirken sie nicht als Fremdkörper. Material und Struktur schaffen die notwendige konkurrierende Distanz, um als Kunst wahrgenommen zu werden – während im Gegenzug Rost, die rötliche Farbgrundierung der Gitter und ihr morbider Charme des Verfalls die bildnerische Korrespondenz zum Naturraum herstellen.

‚Koordinaten‘ besticht durch die intelligente und ästhetisch kraftvolle Abstraktion einer großen Komplexität, die dem Ort, seiner Geschichte und den Menschen gerecht wird, als eigenständiges Kunstwerk Bestand hat und künftig als Referenz in einer jetzt schon international viel beachteten Künstlerbiographie nicht fehlen wird.

Quelle: Grafschafter Nachrichten vom 26.09.2011